Zur Geschichte der "Doktorarbeit" oder Inaugural-Dissertation

Die selbständige Anfertigung einer Dissertation (von lat. dissertatio: Erörterung) ist heutzutage eine unerlässliche Voraussetzung für die Zulassung zu einem Promotionsverfahren an deutschen Universitäten und Technischen Hochschulen. Daher wird der Begriff "Dissertation" häufig als Synonym für die zur Promotion erforderliche wissenschaftliche Abhandlung, die sogenannte Doktorarbeit, benutzt.

Ein Blick auf Promotions- und Dissertationswesens zeigt jedoch, dass "Promotion", "Doktor" und "Dissertation" erst seit relativ kurzer Zeit in dem für uns heute so selbstverständlich gewordenen engen inhaltlichen Zusammenhang stehen. In früheren Jahrhunderten haben hingegen nur die wenigsten angehenden Doktoren Dissertationen verfasst, und ein grosser Teil der an Universitäten publizierten Dissertationen stand in keinem Zusammenhang mit Doktorpromotionen.

In der römischen Antike bedeutete "Doctor" (von lat. docere: lehren bzw. doctus: gelehrt) ursprünglich ganz allgemein soviel wie Lehrmeister oder Gelehrter. Beispielsweise wurde ein Fechtmeister, der die Gladiatoren in der Kunst des Fechtens unterwies, als "doctor gladiatorum" bezeichnet. Der Beginn der Entwicklung des Begriffes "Doctor" zu einem an die wissenschaftliche Qualifikation seines Trägers gebundenen Titel ist nicht exakt zu datieren. Man kann die Ursprünge des Doctor - Titels in der heutigen Bedeutung in der auf herausragende Scholastiker übertragenen Bezeichnung - doctores ecclesiae - sehen.

Seit dem 12. Jahrhundert wurden berühmte Gelehrte wie Thomas von Aquin ("doctor angelicus") oder Roger Bacon ("doctor mirabilis") als "doctor" bezeichnet. Im Sinne einer akademischen Würde bildete sich der "doctor" zunächst an den italienischen Universitäten des 12. und 13. Jahrhunderts heraus. In der Folgezeit entwickelte sich der Doktortitel zur höchsten akademischen Würde, zu deren Erlangung im Regelfall eine Prüfung erforderlich wurde. Allerdings durften in Deutschland früher auch die Pfalzgrafen Doktordiplome verleihen, die mit einem angehängten Siegel in einer Kapsel (lat. bulla) versehen waren. Solche "Doctores bullati" genossen ein geringeres Ansehen als die an Universitäten promovierten Doktoren.

Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts wurden jedoch auch an den deutschen Universitäten Promotionsverfahren meistens nicht auf der Basis einer vom Doktoranden selbst verfassten Dissertation durchgeführt. Vielmehr bestand die vom Promovenden zu erbringende Prüfungsleistung primär im Bestreiten einer öffentlichen "Disputation", der Verteidigung von Thesen im Rahmen eines festen Regeln unterliegenden und unter feierlichem Zeremoniell ablaufenden wissenschaftlichen Streitgespräches. In den Einblattdrucken, auf denen bereits im 15. Jahrhundert die vom Doktoranden zu verteidigenden Thesen in Plakatform veröffentlicht wurden, können die ältesten Vorläufer der Dissertationsdrucke im heutigen Sinne gesehen werden.

Während derartige Einblattdrucke nur noch in Einzelfällen erhalten sind, entwickelten sich seit dem 15./16. Jahrhundert aus ihnen allmählich mehrseitige Broschüren mit ausführlicheren Thesen und schliesslich ausformulierte Darstellungen eines wissenschaftlichen Themas.

Die Mehrzahl der vor 1800 gedruckten Dissertationen hat ein Quartformat und einen Umfang von meist weniger als 30 Seiten. Fast alle Dissertationen aus dieser Zeit sind in lateinischer Sprache verfasst. Die Frage, wer der jeweilige Verfasser einer Dissertation gewesen ist, ist im konkreten Einzelfall oft nur schwer oder gar nicht zu beantworten. Während die Frage der Urheberschaft für die Gruppe der nicht in einem Kontext mit der Doktorpromotion stehenden Dissertationen (dazu zählen beispielsweise jene Dissertationen, die Professoren zu bestimmten festlichen akademischen Anlässen turnusmässig publizierten) meist eindeutig zu entscheiden ist, kommen als Autor der "Inaugural - Dissertationen", der als Grundlage eines Promotionsverfahrens dienenden Abhandlungen, prinzipiell drei Personengruppen in Betracht: Praeses ("Doktorvater"), Doktorand und Dritte.

Solange die mündliche Prüfungsleistung des Doktoranden im Vordergrund eines Promotionsverfahrens stand (dies war etwa bis zur Wende des 18. zum 19. Jahrhundert regelmässig der Fall), forderten die Statuten nur selten vom Promovenden die selbständige Anfertigung einer Inaugural-Dissertation. Es galt mitunter sogar als explizite Ausnahme, wenn es einem besonders guten Studiosus erlaubt wurde, die Dissertation selbst zu verfassen: die Mehrzahl der älteren Dissertationen stammt hingegen aus der Feder des als Praeses des Promotionsverfahrens fungierenden Professors. Auch Formen einer Ko-Autorschaft. bei der der Professor Grundgedanken und Thesen formulierte und der Doktorand diese ausführte, waren ebenso an der Tagesordnung wie die Überarbeitung eines vom Doktoranden vorgelegten Manuskriptes durch den "Doktorvater".

Aus mehreren Gründen ist es legitim, bei vor 1800 verfassten Dissertationen grundsätzlich den Praeses als deren Verfasser zu vermuten. Zum einen beruhte die seinerzeitige Form der akademischen Ausbildung nicht auf selbständiger Forschung, sondern auf der Autorität der Lehre. 

Schon deshalb waren originelle oder originäre wissenschaftliche Leistungen eines Doktoranden im Promotionsverfahren prinzipiell nicht gefragt. Viele, um nicht zu sagen, die meisten Doktoranden waren auch - oft schon wegen ihrer mangelhaften Lateinkenntnisse - kaum in der Lage, aus eigener Kraft eine druckreife Dissertation zu verfassen. Die von Doktoranden verfassten Dissertationen hätten, aus der Perspektive der Professoren, nicht nur meistens aufgrund ihrer unzulänglichen Qualität die Reputation der Universität gefährden können, sondern die Professoren hatten noch handfestere, materielle Motive, die Abfassung der lnaugural Dissertation für die Promotion eines ihrer Studenten selbst in die Hand zu nehmen: Zunächst spielte dabei das Honorar, das der Doktorand dem Professor für die Abfassung "seiner" Dissertation zu zahlen hatte, eine zentrale Rolle. Zugleich holen Dissertationen, die auf Kosten des Doktoranden gedruckt werden mussten, dem "Doktorvater" eine willkommene Gelegenheit, gratis die eigenen Ansichten und Auffassungen publizieren zu können.

Viele Dissertationen sind bereits vom Thema her eindeutig Gelegenheitsschriften, die ein Professor sicherlich unveröffentlicht gelassen hätte, wenn ihm nicht ein Promovend den Druck finanziert hätte. Einzelne Professoren konnten auf diese Weise schliesslich mehr als 300 Dissertationen vorweisen.

Während im Ausgang des 18. Jahrhunderts an manchen Universitäten sowohl vom Praeses als auch vom Doktoranden verfasste Dissertationen oder sogar auch Arbeiten Dritter für die Promotion verwendet werden konnten, setzte sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts die "Doktorarbeit" im Sinne einer selbständig verfassten Dissertation des Doktoranden endgültig als fester Bestandteil eines Promotionsverfahrens durch.

Die Zahl der Doktoranden stieg in der Folgezeit ebenso an wie die der Universitäten. Die Fachbereiche vermehrten sich wie die Seitenzahlen der Disertationen. Ab 1890 war es nicht nur Medizinern, Juristen ,Theologen und Philosophen erlaubt, den Doktortitel zu erwerben, auch an technischen Hochschulen wurde dieses Recht auf Erlass von "Wilhelm II." eingeführt. Fortan wurden Ingenieure nicht mehr als " geistige Handwerker" belächelt. Heute bedarf es oft mehrjähriger vollzeitiger Anstrengung, bis ein Doktorand eine akzeptable Inaugural-Dissertation erstellt hat. Wenn demgegenüber in vergangenen Jahrhunderten auf der Basis von Dissertationen promoviert wurde, die innerhalb einiger Tage, wenn nicht gar einiger Stunden verfasst werden konnten,so verhinderten vor allem die immensen Kosten einer Promotion, dass sich diese zu einem üblichen Studienabschluss entwickelte. Neben den Druckkosten für die Dissertation hatte der Doktorand nicht nur Gebühren für die am Promotionsverfahren beteiligten Personen (bis hin zu den Pedellen und Musikern) zu entrichten, vielmehr waren überdies Kosten für die Bewirtung während der Prüfung und schliesslich - oft horrende Summen - Aufwendungen für den "Doktorschmaus" zu tragen. Diese finanziellen Belastungen führten für viele angehende Doktoren nach dem Abschluss ihres Studiums mit dem Lizentiaten- oder Magistertitel künftig dazu, mehrere Jahre lang zu sparen, bevor sie sich die Einleitung eines Promotionsverfahrens leisten konnten.

Während man heute in Deutschland in mehr als 50 Fachbereichen promovieren kann und das Spektrum der anzustrebenden Titel vom Dr. rer. pol. bis zum Dr. Sportwiss. reicht, bestanden die Universitäten etwa bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts aus nur vier Fakultäten.

Galt die philosophische oder Artistenfakultät lange als "untere" Fakultät, die zur Vorbereitung auf das Studium der "höheren" Fakultäten diente und den Magistertitel anstelle des Doktortitels verlieh, so wurde der Doktorgrad von den medizinischen, juristischen und theologischen Fakultäten vergeben, wobei der Doktor der Theologie lange das höchste Ansehen genoss. Mit der allmählichen Ausdifferenzierung "neuer" Fakultäten und Fachbereiche aus der ursprünglichen Vierzahl der Fakultäten entstanden (und entstehen weiterhin) kontinuierlich "neue" Doktorgrade wie jener eines Dr. rer. nat. (Doktor der Naturwissenschaften) oder in jüngster Zeit der eines Dr. rer. biol. hum. (Doktor der Humanbiologie). Mit der Zahl der anzustrebenden Doktortitel ist auch die Zahl der Promovenden in den letzten Jahrhunderten gestiegen. So wurden beispielsweise zwischen 1751 und 1800 an der Medizinischen Fakultät der Universität Leipzig lediglich 39 Doktortitel vergeben, in Tübingen promovierten im gleichen Zeitraum 206 Mediziner.